Aloysianum Lohr - Ein Blankoscheck der Gewalt

 

Ui ui ui!“, heißt es immer, wenn ich erwähne, dass ich in einem katholischen Jungen-Internat in Lohr am Main aufgewachsen bin. Aber was dort wirklich vorgefallen ist, das traut sich dann doch keiner zu fragen. Wenn ich mir die Reden des derzeitigen Papstes anhöre, dann ist das der pure Zynismus und es wird nur die Spitze des Eisberges thematisiert. Wie es zu solchen Missbrauchsfällen kommen kann? Hier mal ein Einblick, wie ich es in meiner Zeit in der Klosterschule 1990-97 erlebt habe.

Der Studiersaal der "Großen" (ab 9. Klasse).  Studierzeit war 15-16 Uhr, 16.45-18.30 Uhr und wer Schulaufgabe hatte oder schlechte Noten musste abends nochmal ran.
Der Studiersaal der "Großen" (ab 9. Klasse). Studierzeit war 15-16 Uhr, 16.45-18.30 Uhr und wer Schulaufgabe hatte oder schlechte Noten musste abends nochmal ran.

 Im Alter von 10 bis 16 Jahren war ich Schüler in einer Klosterschule, dem „Marianhiller Studienseminar Aloysianum“. Vormittags gingen wir in eine öffentliche Schule, anschließend zurück ins „Alo“, wo bis zum nächsten Morgen die Türen hinter uns zugingen. Es waren die frühen 90er und schon damals galten die strengen Regeln als überholt und antiquiert. Es gab für alles nur Säle: Ein Studiersaal mit Pulten, Schlafsäle mit je 20 Betten, ein Speisesaal, im Flur waren die Waschbecken und die Kleiderschränke aneinander gereiht. Wir mussten dreimal die Woche zum Gottesdienst, einmal Mittwoch Abend, einmal Freitag früh um 6.30 Uhr und an den Internatswochenenden natürlich am Sonntag. Auch sonst war immer Beten angesagt: Vor dem Mittagessen, nach dem Mittagessen, vor und nach der Studierzeit und ca. 10 aneinandergereihte Gute-Nacht-Gebete am Abend, dazu jeden Abend im Oktober Rosenkranz und im Mai tägliche Marienandacht. Duschen dagegen war nur einmal die Woche erlaubt und das am Samstag, wenn sowieso die meisten von uns zu Hause waren.

 Warum schickt man sein Kind ins Internat? Meine Noten waren eher mittelmäßig, mir fehlte Struktur und ein geregelter Tagesablauf. Im meinem Zeugnis stand, dass der "durchaus begabte Schüler" auch dieses Jahr wieder nicht die Erwartungen erfüllen konnte.

Meine Eltern waren, gelinde gesagt, pädagogisch überfordert. Kam ich mit einer Vier in Mathe nach Hause, dann wurde zur Strafe so lange gerechnet, „bis ich alles richtig habe“. Dann war wieder Ruhe – bis zur nächsten Note. Das Internat sahen meine Eltern damals als einzige – und bezahlbare – Lösung. Ich war damals zehn Jahre und sah das auch so.

 

Im Internat gab es zwei Erziehungsberechtigte. Da war zum einen Pater Robert, seit 1974 Leiter, von uns nur der „Kecker“ genannt: Ein kleiner, schmächtiger Mann, dessen Kopf immer erst hochrot anlief, bevor er explodierte. Angeblich wurde ihm der Spitznamen verliehen, weil man ihm einmal heimlich Abführmittel in den Tee verabreicht hatte und aus dem „Kacker“ wurde irgendwann der „Kecker“. Irgendwie mochte ich diesen Mann. Er hielt schöne Predigten und gab sich Mühe ein frommes Leben zu führen. Er strauchelte dann doch immer wieder, wenn er nach der ersten Rotphase impulsiv ausholte und die Hand heftig niederging, weil Üli auf den Befehl „Geh auf deinen Platz!“ nicht sofort spurte, sondern „Moment!“ sagte – Klatsch! Einmal erwischte er uns Sonntag abend (nachdem wir von zu Hause wieder zurück ins Alo mussten) nachts beim Turnen im Schlafsaal. Wir rannten alle ins Bett, kicherten in unser Kopfkissen und Mark streckte ihm die Hand entgegen: „Grüß Gott, Pater Robert!“ Der Schlag ging irgendwo ins Gesicht und Mark, der sonst nicht wehleidig war, fing fürchterlich zu Weinen an. Am nächsten Tag wurde Mark von seinen Eltern abgeholt. Seine Zeit im Internat war damit vorbei.

 

Die zweite für uns verantwortliche Person war Gertrud Fröhlich: Von uns aufgrund ihrer Frisur überwiegend nur „ die Turbanhexe“ genannt. Eine ehemalige Sekretärin, die in den 70er Jahren dort im Büro angefangen hatte und dann durch Abendkurse zur Erzieherin umgeschult wurde. Wenn Pater Robert noch der „Nette“ war, weil er sich ja meistens entschuldigt hat, wenn ihm die Hand ausgerutscht ist, dann war die Fröhlich der wahre Drachen. Gegenworte wurden sofort niedergeschrien und sämtliche „Urteile“ ohne weitere Anhörung der Beschuldigten gefällt. Ihre Schläge waren wild und mädchenhaft und brachte viele nur zum Lachen, wenn sie versuchte mit ihren unkoordinierten Ohrfeigen den Kopf zu treffen.

 

Gertrud Fröhlich war die Verkörperung der schwarzen Pädagogik und Verfechterin eines  totalitären Systems. Sie sah sich dabei an oberster Stelle und setzte das mit viel Lärm und Gewalt durch, denn nur so hat man 40 Buben im Griff. Schwulsein war in ihren Augen eine „ekelhafte Krankheit“, sie war Rassistin und gab sich selbst als fromme Nonne, auch wenn sie nicht so gekleidet war. Sie beschimpfte uns mit "Ihr Mistkäfer!" und "Hunde!" und wenn sich jemand gegen unberechtigte Vorwürfe verteidigen wollte, kritisierte sie sein "scheinheiliges Getue". Sie bestand selbst mit ihren über 60 Jahren noch darauf, als unverheiratete Jungfer mit „Fräulein Fröhlich“ angesprochen zu werden und wenn man nur laut genug in der Kirche singt, dann macht man alles richtig. Ihre Selbstüberschätzung gipfelte in Aussagen wie: „Ich möchte euch ja alle mal im Himmel wieder sehen.“

Schon damals habe ich mir gewünscht, dass sie zum Kohleschaufeln verdonnert wird und ihr dabei Rudolph Moshammer Anweisungen gibt – aber den wünsche ich mir nicht in die Hölle.

Null Bock auf Üben. Vier Jahre habe ich zu jedem feierlichen Anlass immer wieder das gleiche Lied gespielt, bis man ein Einsehen hatte und mich vom Geigenunterricht abmeldete.
Null Bock auf Üben. Vier Jahre habe ich zu jedem feierlichen Anlass immer wieder das gleiche Lied gespielt, bis man ein Einsehen hatte und mich vom Geigenunterricht abmeldete.

Dieser unausgesprochene Rassismus war etwas, was mich noch heute auf die Palme bringt. Da war „Sushi“, ein Halb-Philippiner, der von uns allen sehr gemocht wurde. Ein wirklich lustiger, sympathischer Typ, der ein „Minus“ nach dem anderen kassierte und zum Spülen verdonnert wurde. Teilweise nur, weil er im Studiersaal jemanden angelächelt hat.

 Dann war da „Joey“, unser Fußballgott und Deutsch-Kenianer. Joey war der absolute Mädchenschwarm und wurde von uns immer als Erster in die Mannschaft gewählt. Problem bei Joey war: Er hielt furchtbar gerne Mittagsschlaf, schlich sich immer heimlich nach dem Mittagessen in den Schlafsaal (was verboten war) und verpennte dann die Studierzeit ab 15 Uhr. Für Gertrud Fröhlich der willkommene Anlass, ihn immer nur als „faulen Kerl“ zu bezeichnen, dabei Grimassen zu schneiden und sich darüber auszulassen, wie sehr sie das immer aufregt, wenn er so gelangweilt „durch die Gegend hatscht“. Joey wurde von ihr nur noch mit verächtlichen Kommentaren belegt und angewidert angeschaut. Findige Pädagogen würden das heute wohl als „racial education mobbing“ bezeichnen. Keine Ahnung, wie oft ich mit Joey und Sushi in der Küche stand und Abtrocknen musste, aber deren Vergehen im Vergleich zu meinen Streichen waren lächerlich. Sushi und Joey waren friedlich, nett und beliebt. Für Gewalt und Schlägereien waren andere verantwortlich.

 

Da war der „Hardi“, der mit seiner Hyperaktivität jeden auf die Palme brachte. Beim Fußballspielen senste er in der Abwehr jeden einfach nur um und dank seiner Statur konnte man als Gleichaltriger nur hoffen, dass er einen nicht niederringt. Auch bei unseren „Erziehern“ war Hardi nicht sonderlich beliebt, da er ständig nur vom Stuhl fiel und für Unruhe sorgte. Gertrud Fröhlich hatte Respekt vor seiner Statur und hielt immer ein wenig Sicherheitsabstand. Stattdessen befahl sie den „Großen“, sich den Hardi mal vorzuknöpfen, damit er sich ein wenig unterordnet. Hardi wurde zum Schlafsaal der Großen gelockt, kurzerhand hineingezogen und durchgeprügelt. Jahrelang wurde davon erzählt und die Älteren feierten sich und die Fröhlich über diesen ausgestellten Blankoscheck der Gewalt.

 

Jedes Jahr kam der Nikolaus ins Alo. Dafür wurde bereits zwei Wochen vorher die Turnhalle verschlossen und die Großen bauten, sägten und hämmerten. Fast jedes Jahr hat es tatsächlich geklappt, dass keiner der Kleinen wusste, mit welchem Gefährt der Nikolaus diesmal kommt. Woran ich mich erinnern kann, ist seine Ankunft mit dem Transrapid, einmal kam er durch den Eurotunnel und legendär war der missglückte Einparkversuch im angemalten E-Auto (ein geschmückter elektrischer Rollstuhl), bei dem der Nikolaus die komplette Requisite umgehauen hat. Als Zuschauer waren nur wir Schüler erlaubt, auserlesene Ex-Schüler (ohne Freundin), Küchenhilfen und die übrigen Patres und Brüder, die mit im Kloster lebten, aber wenig mit uns zu tun hatten. Einzeln wurden wir nach vorne gerufen und der Nikolaus, flankiert von Pater Robert und zwei Ministranten, las vor, was wir in diesem Jahr alles angestellt haben. Meist war das wirklich witzig und ich kam immer mit ein paar Ermahnungen davon, auch als ich schon schwer pubertierend auf so etwas gar keinen Bock mehr hatte.

Anders war das bei „Bibu“. Ich weiß nicht, welche Behinderung oder Krankheit bei Bibu eigentlich vorlag, aber dass er etwas anders war als wir, das merkte man schnell. Er redete langsam und tat sich dabei sichtlich schwer, wackelte unkontrolliert mit dem Kopf und auch seine Mimik hatte er nicht ganz unter Kontrolle. Er blinzelte schwer und verzog immer wieder die Mundwinkel. Bibu wog in der 10. Klasse schon über 85 Kilo, war über und über behaart, sozial eher ein Außenseiter, aber ein sehr guter Mathematiker. Wenn man ihn reizte, setzte er sich einfach auf einen drauf. Einer der schlimmsten Streiche war es, wenn man einen Mitschüler in Bibus Kleiderschrank zu seinen verschwitzen Sportsachen sperrte und nicht mehr rausließ. Bibu war begeisterter Fußball-Fan, konnte sämtliche Fan-Gesänge auswendig und auf tschechisch sagen: „Bitte aussteigen, die Türen schließen, Vorsicht bei der Abfahrt!“

 

Einmal bekam Bibu Hallenverbot, weil er zu laut brüllte und er ständig den Ball an die Decke bolzte, was man im Studiersaal darüber hörte. Es kam zu einem Riesen-Streit mit der Fröhlich, sie brüllten beide durch das ganze Haus und irgendwann rannte Bibu durchs Treppenhaus und skandierte: „Scheiß CSU! Scheiß CSU!“

Bibu kam vor dem Nikolaus nicht so leicht davon. Es gab einen Vortrag über Hygiene und er wurde öffentlich rasiert. Anfangs lachten wir noch über das skurille Bild. Da saß dieser riesige Bär, damals schon 17 Jahre alt, zurückgelehnt auf einem Stuhl und ließ diese erniedrigende Prozedur stumm über sich ergehen. Sie seiften ihn mit Rasierschaum ein, während Pater Robert mit Rasiermesser Strich für Strich durch sein Gesicht fuhr und lächelnd sagte: „So macht man das.“

Wir feierten Bibu anschließend als Helden, weil er trotz Tränen in den Augen nicht losheulte, sondern beim Abgang noch tapfer von der Bühne winkte. Wenn wir die Fröhlich darauf ansprachen, dass das doch etwas fies gewesen sei, bekamen wir als Antwort laut entgegen geschmettert: „Ach was, das war doch nur ein Spaß, ein Scherz! Der Bibu hat das auch so verstanden!“ Gesagt hat er nie etwas dazu.

Nach jeder Veranstaltung konnten wir immer Fotos vom Nikolausabend nachbestellen, um sie dann unseren Eltern zu zeigen. Von Bibus Aktion gab es keine Fotos. Er wird es trotzdem nie vergessen.

 

Im Nachhinein betrachtet, frage ich mich, warum nicht einmal Jemandem aufgefallen ist, dass wir einige Mitschüler hatten, die dringend einen Psychologen gebraucht hätten und die mit der Situation überhaupt nicht zurecht kamen. Wir hatten immer ein paar "Spinner", bei denen ich erst jetzt verstehe, wie schlimm es für sie im Internat gewesen sein muss. Da gab es den "Wömbl" der immer wieder zwanghaft auf merkwürdige Weise seine Hände aneinander klatschte und den "Harry" der sich ständig so fest am Ohr rieb, dass es quietschte. Wir machten uns einen Spaß daraus, sie deswegen zu mobben und nachzuäffen. Sie waren uns ausgeliefert, denn es war für die Erzieher einfacher, alles kleinzureden und ein paar "Minusse" zu verteilen, anstatt der wahren Ursache auf den Grund zu gehen.

Unter den "Großen" gab es Einen, der irgendwann nur noch im prolligen Türken-Deutsch geredet hat. Irgendwann legte er sein normales Hochdeutsch komplett ab und sprach nur noch so.

Es gab zwei Brüder, die nach dem Tod ihrer Mutter ins Alo kamen. Der Jüngere war in den ersten Monaten nur am Schlafwandeln. Ich weiß noch, wie ich ihm belustigt nachgelaufen bin, als er mitten im Schlaf schrie und aus dem Saal rannte. Was haben wir gelacht, als die Fröhlich erzählte, dass er vom 3. Stock bis ins Erdgeschoss gelaufen sei, wo sie ihn im Klo gefunden habe und er nur sagte: "Ich suche meinen Socken."

"Hofi" war manisch-depressiv. Entweder sagte er über Tage gar nichts oder flippte im nächsten Moment aus. Er schrie dann alles zusammen, zerlegte den ganzen Raum, kletterte auf das Fensterbrett und drohte zu springen. Gertrud Fröhlich sagte dazu nur: "Einen Evangelischen nehmen wir nicht mehr."

 

Der Held des Internats war „Super-Mario“, der später mal Priester werden wollte. Mario hatte in Latein eine Eins und wurde von Pater Robert und der Fröhlich zum „Miterzieher“ befördert. Als ich ins Internat kam, hatte Mario noch drei Jahre bis zum Abi und wurde so mit Schnitzeln gemästet, dass er schon damals dringend einen BH brauchte. Bereits im ersten Monat legte er mich als 10-jähriger flach auf den Tisch und watschte mich ab, weil ich es gewagt habe, meinen Finger durch den Reißverschluss zu stecken und einen Penis nachzustellen. Mario war für die Leitung das Idealbild eines künftigen Priesters: Vollkommen unselbstständig, nur am Lernen und weihrauchsüchtig. Während ich Kirchenorgel übte, konnte ich immer wieder beobachten, wie sich Super-Mario in die Sakristei schlich, sein Messdienergewand anzog, das Weihrauchfaß schwenkte und dann total eingenebelt und high Gotteslob-Lieder sang. Von Pater Robert und der Fröhlich bekam er eine Duftkerze mit Weihrauch-Öl geschenkt, die er in der Studierzeit auf das Pult stellen konnte. Mit sinnentleertem Blick wedelte er sich dann immer wieder die Dämpfe in die Nase und schien selig. Super-Mario symbolisiert damit das ganze kranke Konstrukt in diesem Gebäude, denn Super-Mario ist jetzt Priester.

 

Meine Zeit im Aloysianum war ein paar Jahre nach der Scheidung meiner Eltern beendet und mein Vater meldete mich ab, als ich 16 Jahre alt war. Fast die ganze Pubertät verbrachte ich in diesem Bau. Mein zu Hause, wie ich es vorher kannte, war nicht mehr da. Eine intakte Familie existierte nicht mehr und ich fühlte mich unerwünscht. Noch zu Schulzeiten hatte ich meine erste eigene Wohnung und auch später im Studium lebte ich lieber alleine, anstatt in eine günstige WG zu ziehen. Nach sechs Jahren NULL Privatsphäre war es mir ein großes Bedürfnis, endlich meine eigenen Räume zu haben.

 

Was hat das Aloysianum bei mir gebracht? Bessere Noten, Freunde fürs Leben und einen Einblick, wie so ein System der Unterdrückung funktionieren kann. Wenn ich von den vielen Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche und den Fragen lese, wie es dazu überhaupt kommen konnte, dann ist die Antwort für mich vollkommen klar. Durch Angst, Machtmissbrauch und einem abgeriegelten System, das keine Infos nach außen lässt. Im Grunde haben wir nur Glück gehabt, dass es bei uns zu keinen sexuellen Übergriffen kam. Zumindest während meiner Internats-Zeit habe ich davon nichts mitbekommen.

Wir waren Kinder. Die meisten von uns wurden ins Internat geschickt, weil die Eltern mit uns unzufrieden waren oder kapituliert haben. Wenn es dann Schläge gab, dann war das für uns kein Grund, sich darüber zu beschweren. Seinen Eltern sagte man nichts, schon gar nicht, wenn man dort ebenfalls verprügelt wurde – man holt sich ja nicht freiwillig zweimal die gleiche Bestrafung ab. Sachte Kritik über die Vorgänge im Alo wurden zu Hause dezent überhört oder schön geredet. Immerhin hatten die meisten von uns ja plötzlich gute Noten, also „müssen die ja schon irgendwas richtig machen, höhöhö!“

Besonders schlimm war es für uns immer, wenn Mitschüler wie Mark, nach „nur“ einer Ohrfeige gleich am nächsten Tag abgeholt wurden. Ich war neidisch auf Mark und sah ihn sehnsüchtig vom Fenster aus ins Auto steigen. Insgeheim wünschte sich dann jeder von uns solche Eltern, die uns empört rausholten. „Zu Hause ist auch kein Zuckerschlecken!“, waren Standard-Antworten, die wir stattdessen zu hören bekamen. Einige von uns fanden es super da. Viele von uns fühlten sich im Stich gelassen, zu Hause unerwünscht und abgeschoben.

 

Das Aloysianum wurde von der Zeit überholt. Es gab keine Neuanmeldungen mehr und so musste es 2003 schließen. Gertrud Fröhlich versuchte das lange zu verhindern und suchte noch als über 70-jähriges Fräulein verzweifelt nach Sponsoren, die einen Neustart finanzieren – selbstverständlich nach ihrer Vorstellung von Pädagogik.

 

Hin und wieder stehe ich noch heute vor dem Gebäude an der Rodenbacher Straße, in dem jetzt Eigentumswohnungen sind. Der Fußballplatz ist nicht mehr da. Wo früher eine Birke stand, ist jetzt die Einfahrt zu einer Tiefgarage. Ich frage mich dann immer, ob vielleicht im Speisesaal noch meine Nudel an der Decke klebt, aber ich gehe nicht mehr rein. Ich bin froh, dass es das Haus in seiner ursprünglichen Form nicht mehr gibt und kein Kind mehr zum Super-Mario ausgebildet werden kann.

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Kommentare: 5
  • #1

    Sabrina Dura (Samstag, 02 März 2019 17:03)

    ... Kinder seelisch zu quälen , mir fehlen die Worte!
    Meine Mutter war leider selbst in einem katholischen Mädcheninternat und das hat viel zerstört in ihr !!!

  • #2

    Jens (Sonntag, 03 März 2019 15:55)

    Hm. Vielleicht muss ich auch mal wieder dort vorbei schauen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dort Eigentumswohnungen in dieses Gebäude passen. Mein Bruder und ich waren in den 80ern dort und haben auch schon ein wenig resümiert: http://weknowkungfu.net/wkkf-03-internate-sind-nur-in-buechern-lustig/

  • #3

    Kai W. Bachmann (Samstag, 16 März 2019 16:40)

    Ich war dort von 1993-1997, also auch etwa während der hier geschilderten Zeit.
    Ich bin froh, dass das alles Vergangenheit ist.

  • #4

    Sebastian (Sonntag, 31 März 2019 00:05)

    Ich war auch auf dem Internat, zum Glück nicht lange, evtl. 1-3 Monate. Es muss so 95/96 gewesen sein, da war ich 12-13 Jahre. An vieles kann ich mich nicht erinnern. Aber Sushi, den hatte ich lange in guter Erinnerung. Er war immer Cool drauf. Haben oft zusammen Tischtennis gespielt. Wir waren ein Grüppchen aus drei oder vier Mann die in der Freizeit miteinander rumhingen. Kann mich aber leider nur noch an Sushi namentlich erinnern. Der Junge der sich mir ein bisschen angenommen hat, hatte mein Alter und hatte Dunkelblonde Haare. Vielleicht hieß er Jan oder Johannes, ich weiß es leider nicht mehr. Er war schon länger dort und hat mir alles erklärt wie es so abläuft. Dann war da noch einer der immer über Motocross redete, dass er da an Rennen teilnimmt. Glaube er kam aus der Aschaffenburger Gegend. Leider weiß ich seinen Namen auch nicht mehr. An den Schlafsaal kann ich mich auch noch erinnern. Und an große braune Vorhänge. An den Bolzplatz hinterm Haus.
    In der kurzen Zeit in der ich dort war, hab ich leider auch zu viel Negative Dinge erlebt. Vor allem von den Betreuern.
    Hab mal so 2 Jahre später versucht Kontakt aufzunehmen. Aber habe da keine Auskunft erhalten.
    Bin dann mal 2004 ca. selbst hin gefahren. Da war es aber schon Geschlossen.
    War jetzt auch schon öfter mal wieder in Lohr. Nur nie an dem Ort.
    Ich denke, dass ich im Sommer mal hinfahre. Nur aus Neugier.

  • #5

    Holger Gebhardt (Sonntag, 11 August 2019 21:24)

    Ich war 1987 bis 1989 dort! Die Fröhlich ging gar nicht!
    Der Albtraum jeden Schülers.

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